Die emotionale Historikerin der Familie
Über Frauen, die alles wissen und genau deshalb alles tragen
Für alle, die lieber hören: Ich habe den Artikel selbst eingesprochen
Im Keller stehen Kisten. Wer sie sieht, denkt vielleicht, es sind einfach alte Fotos, Dokumente, Dinge, für die oben kein Platz ist. Aber ich weiß, was sie wirklich sind:
Büchsen der Pandora.
Ich bin ihre Bewahrerin und das nicht, weil mich jemand dazu ernannt hätte, sondern, weil es irgendwann einfach so war.
Und weil ich glaube, dass es vielen Frauen genauso geht.
Wir sind die Bewahrerinnen der Erinnerungen und die emotionalen Historikerinnen unserer Familien. Nicht allein im Sinne von Stammbäumen und Daten. Wir tragen auch die andere Chronik. Die, die nirgendwo aufgeschrieben steht.
Wir wissen, warum der Onkel seit zwanzig Jahren nicht mehr zur Weihnachtsfeier kommt. Wir wissen, was wirklich zwischen Vater und Großvater passiert ist. Wir wissen, wem die Mutter nie vergeben hat und warum sie es trotzdem nie ausgesprochen hat. Und auch wenn wir es nicht wissen, wissen wir, dass da etwas war.
Aber wir tun noch mehr als erinnern. Wir filtern und entscheiden, was erzählt wird, was weitergegeben wird und was mit uns ins Grab geht.
Die Chronik, die nirgendwo aufgeschrieben steht
Meine Großmutter war diese Frau vor mir. Sie hat entschieden, was gewusst werden durfte und was nicht. Und so geben wir uns unter Frauen von Generation zu Generation etwas weiter, das kaum sichtbar ist: eine doppelte Last. Das, was gesagt wurde und das, was nie gesagt wurde. Und die stille Erwartung, dass jemand die Familie trotz allem zusammenhält.
Das, was in meinen Kisten liegt, ist verdächtig. Oder besser gesagt, dass was fehlt. Die Lücken und Sprünge. Die Jahre, über die niemand je gesprochen hat. Die Menschen, die in den Fotos nicht auftauchen. Ein zu perfektes Bild.
Ich war jahrelang auf meiner Mission als emotionale Historikerin. Ich war auf einer Suche, die dazu führte, dass ich Gespräche führte, die niemand führen wollte. Dass ich Fragen stellte, die nicht gestellt werden sollten. Und mit einem Schweigen leben musste, das sehr laut wurde.
Ich habe Dinge herausgefunden und ich weiß, nicht alle wollen das wissen. Ich verstehe das. Ich weiß, es hat seinen Grund, warum Geschichten begraben wurden.
Aber ich kann nicht mehr so tun, als wüsste ich es nicht.
Ich habe lange gedacht, meine Mission wäre es, die Wahrheit herauszufinden und darum, dass wir als Familie uns dieser stellen. Ich dachte, das wäre die schwierige Aufgabe. Aber das stimmt nicht.
Es hat gedauert, aber es kam der Tag, an dem ich mich der schwierigen Frage stellen musste: Warum wir uns als Frauen über Generationen verantwortlich fühlen für das, was vor uns war und wie selbstverständlich wir beginnen, es auszugleichen. Als wäre es unsere alleinige Aufgabe.
Denn was ich nicht mehr verleugnen konnte, war diese Wut in mir darüber, dass ich mich auf dieser meiner Mission so verdammt allein fühlte.
Das Dilemma: Tragen oder liegen lassen, beides hat Konsequenzen
Und hier wurde es kompliziert. Denn es fühlte sich für mich an, als wäre ich gefangen. Selbst wenn ich erkannte, dass es nicht meine Verantwortung war, das alles zu lösen, so stimmte es auch, dass es nicht verschwindet, wenn ich es nicht tue.
Das, was nie ausgesprochen wurde, wirkt ja weiter, nicht nur auf andere, sondern auch auf mich. Das ist das Dilemma.
Wenn ich es trage, halte ich das System stabil. Wenn ich es nicht trage, bleibt es liegen.
Beides hat Konsequenzen und ich stand da mit der Frage, welche ich für mich verantworten kann.
Die Wahrheit herauszufinden, ist nicht das Schwerste.
Das Schwerste ist aufzuhören, sie für alle zu tragen
Die dritte Möglichkeit, die ich lange nicht sah
Was ich gelernt habe, mühsam, über Jahre, ist, dass es noch eine dritte Möglichkeit gibt. Keine bequeme, aber dafür eine sehr ehrliche. Und eine, die wirklich etwas in deinem Leben verändern wird.
Die dritte Möglichkeit ist: Ich höre auf, es für alle zu tragen. Ich bin verantwortlich dafür, dass ich das herausfinde, was für mich relevant ist, und dass ich daraus etwas für mich mache. Eine alte Rolle ablege. Dass ich Aufträge, die mir übertragen wurden, und die ich unbewusst übernommen habe, zurückgebe. Dass ich Muster, die ich unbewusst weiterführe, ablege und mich von falschen Loyalitäten befreie. DAS ist es, worüber ich Macht habe.
Ich dachte, die schwierigste Aufgabe wäre die Mission als emotionale Historikerin der Familie. Bis ich erkannte, die herausfordernde Aufgabe war, genau damit aufzuhören, die zu sein, die alles hält und die Verantwortung allein für das System Familie trägt. Die Heilerin der Familie, die Empathin für die Wunden aller zu sein.
Zu wissen, was war, bedeutet nicht, es für alle zu lösen. Es bedeutet, zu sehen und daraus für dich zu entscheiden, wer du sein willst, jenseits der Geschichte deiner Familie.
Über die Autorin:
Anne Vonjahr ist Autorin und Gründerin des Archetypenkompass®. Seit über 16 Jahren arbeitet sie mit Frauen an den inneren Strukturen, die ihr Leben prägen und an dem Punkt, an dem sie beginnen, ihre Rolle zu verlassen. Heute bildet sie Beraterinnen aus, die mit dieser Methode arbeiten.




Ich bin so glücklich, dass ich deine Seite gefunden habe liebe Anne!
Wow, dieser Text ist so wertvoll. Endlich sagt es jemand und findet die richtigen Worte dafür. Das Ganze hatte etwas befreiendes. Vielen Dank für dein Teilen.
Ich danke dir für deine Texte. Du bist eine Inspiration. Du inspirierst mich dazu meine Gedanken zu teilen, meine Geschichte zu erzählen. Danke das ich mich in deinen Texte wiederfinden kann