Solidarität ist nicht genug
Warum Empathie oft nicht reicht und wo Haltung beginnt
Für alle, die lieber hören als lesen: Ich habe den Artikel für dich eingesprochen
In den letzten Tagen habe ich immer wieder einen Satz gelesen:
„Volle Solidarität mit Collien Fernandes.”
Sie hat öffentlich gemacht, dass Deepfakes von ihr für pornografische Inhalte erstellt wurden. Dies geschah ohne ihr Wissen und ohne ihre Zustimmung. Und bevor ich irgendetwas anderes dazu sage, möchte ich eines klar sagen: Diese Solidarität ist wichtig, notwendig und es ist stark, dass sie da ist.
Sie zeigt: Du bist nicht allein und sie macht sichtbar, was sonst im Verborgenen bleiben würde.
Solidarität ist der erste Schritt
Und gleichzeitig ist Solidarität der erste Schritt, aber nicht der letzte. Wenn ich sage: „Ich stehe hinter dir”, verbinde ich mich mit einer Person. Das ist menschlich und das zu tun ist ernorm wichtig.
Eine klare Position aber sagt: Was hier vorgefallen ist, ist kein Einzelfall, sondern Teil eines Musters: Männliche Gewalt gegen Frauen, auch im digitalen Raum. Und das braucht endlich Konsequenzen und zwar rechtliche, gesellschaftliche und strukturelle.
Diese Sätze gehen deutlich weiter. Wenn wir solidarich sind, dann verbinden wir uns erst einmal mit einer Person, aber wenn wir Haltung beziehen, dann zeigen wir, wofür wir bereit sind einzustehen.
Und genau hier passiert etwas, das wir oft nicht bemerken. Wir fühlen mit und wir zeigen uns. Wir signalisieren unsere Zugehörigkeit, aber das bedeutet noch nicht, dass wir bereit sind, weiterzugehen.
„Ich bin bei dir” ist sozial sicherer. Es schafft Nähe und es verbindet uns. Aber es bedeutet noch nicht, dass wir dasselbe Risiko tragen, wie wenn wir uns klar positionieren.
Eine klare Position verlangt, dass wir sagen: Das ist nicht verhandelbar. Sie verlangt, dass wir in unserer Haltung stehen bleiben, auch dann, wenn es unbequem wird. Auch dann, wenn wir nicht mehr nur empathisch wirken, sondern klar. Auch dann, wenn wir damit in bestimmten Situationen allein stehen. Das ist der Moment, in dem wir unsere Rolle endgültig verändern.
Die unsichtbare Grenze
Und genau dort, zwischen Empathie und Forderung, liegt eine unsichtbare Grenze. Denn Empathie wird belohnt. Doch in dem Moment, in dem wir eine klare Position einnehmen, verändert sich die Wahrnehmung.
Dann heißt es: „Du bist eigentlich toll, wenn du nicht so schwierig wärst.“
Oder: „Warum bist du immer so anstrengend?“ Und wenn wir unnachgiebig bleiben, gelten wir schnell als “zu viel”.
Das wissen wir. Wir haben es gelernt und es hat geformt, wie wir sprechen. Wie wir uns zeigen und wo wir uns zurückhalten.
Ich habe das selbst erlebt
Ich habe selbst erlebt, wie sich das anfühlt. Ich habe eine Situation erlebt, in der Grenzen überschritten wurden. Andere haben es gesehen und unter vier Augen wurde mir ihre Solidarität ausgesprochen. Aber als es darum ging, sichtbar zu werden, klar zu benennen, was vorgefallen war, und dafür einzustehen, dass sich etwas ändert, stand ich allein.
Denn genau dort wird es konkret. Dort kostet es etwas.
Hier wird der Unterschied spürbar. Solidarität kann trösten, aber ist kraftlos, wenn sie nicht in eine klare Haltung übergeht.
Was in solchen Momenten stärkt, ist nicht nur, dass jemand hinter dir steht, sondern dass jemand neben dir steht, und zwar für die Sache.
Der nächste Schritt
Ich schreibe das nicht, um Solidarität infrage zu stellen. Sie ist für mich ein enorm wichtiger erster Schritt. Der nächste ist dann nicht nur zu sagen: „Ich bin bei dir.” sondern auch: „Dafür stehe ich und das toleriere ich nicht.”
Wir gehen den Schritt für uns und für alle Frauen, die davon betroffen sind.
Eine Haltung macht dich unabhängiger von dem, wem du gerade beistehst. Sie trägt weiter, auch wenn die Person aus dem Fokus verschwindet und auch, wenn das nächste Thema kommt. Denn Solidarität reagiert auf einen Moment, aber eine Haltung bleibt und prägt langfristig unsere Handlungen.
Dieser Übergang passiert gerade. Eine Petition, die mit „Solidarität mit Collien Fernandes” beginnt, formuliert im zweiten Schritt konkrete Forderungen.
Und genau das ist der entscheidende Schritt. Wir fühlen mit und wir beziehen eine klare Position, die wir halten.
Hier ist der Link: In Solidarität mit Collien Fernandes: 10 Forderungen an die Bundesregierung [Petition]



