Warum du dich nie gut genug fühlst, egal wie viel du leistest.
Über den unsichtbaren Auftrag, niemanden zu enttäuschen.
Susannes Geschichte erzählt die Geschichte vieler Frauen, die früh gelernt haben, dass Anerkennung verdient werden muss und ein Fehler schwerer wiegt als hundert gelungene Momente. Irgendwann wird aus dem Wunsch, gut zu sein, ein Leben auf Bewährung.
Dies ist eine anonymisierte Geschichte aus meiner Praxis. Ich habe sie ausgewählt, weil ich glaube, dass ein Stück Susanne in vielen Frauen lebt.
Für alle, die die Geschichte lieber hören als lesen: Ich habe sie in Videoformat eingesprochen.
Wenn ein Blick genügt, um an sich selbst zu zweifeln
Susanne tritt aus dem Gebäude, geht die Fußgängerzone hinunter, biegt rechts ab und betritt das Café. Sie setzt sich an einen kleinen Tisch am Fenster. Als die Kellnerin kommt, bestellt sie das Mittagsmenü.
Doch würde man Susanne später fragen, wie sie hierhergekommen ist, könnte sie sich kaum erinnern, denn all das geschah automatisch.
Während ihr Körper durch die Stadt lief, saß ein anderer Teil von ihr noch immer auf ihrem Bürostuhl, eingefroren in genau dem Moment, als die Teamleiterin sagte: „Beim nächsten Mal wäre es gut, wenn ich die Präsentation zwei Tage vorher hätte.“
„Natürlich“, hatte Susanne sofort geantwortet und dann war da diese kleine Sekunde gewesen. Dieses kaum sichtbare Innehalten der Teamleiterin, bevor sie ging.
War da etwas? Susanne war verunsichert. War das einfach ein neuer Auftrag gewesen oder glaubte die Teamleiterin, Susanne hätte es vergessen, obwohl dieses Zeitfenster nie vereinbart worden war?
Susanne hatte den Impuls gehabt, noch etwas zu sagen. Einfach zu erklären, dass dieses Zeitfenster für die letzte Besprechung so nicht vereinbart gewesen war, damit nicht dieser unausgesprochene Eindruck im Raum stehen blieb, sie hätte etwas versäumt. Aber sie sagte nichts.
Und jetzt, während sie ihren Salat mit Hühnerbrust aß, saß dieser andere Teil von ihr noch immer wie festgenagelt auf dem Bürostuhl und versuchte herauszufinden, was gerade eigentlich vorgefallen war.
Vielleicht war die Präsentation nicht gut genug gewesen. Vielleicht wollte die Teamleiterin beim nächsten Mal nur sicherstellen, dass Susanne sie nicht noch einmal mit ihrer Arbeit in der Besprechung blamierte.
In Gedanken begann Susanne bereits, eine Nachricht zu formulieren: „Noch einmal in Bezug auf unser Gespräch vor dem Mittag, gibt es etwas, das ich in der letzten Präsentation hätte besser vorbereiten können?“
Doch noch während sie den Satz innerlich schrieb, löschte sie ihn wieder.
Susanne stocherte in ihrem Salat herum, während der andere Teil von ihr die Fäuste ballte und sich über sich selbst ärgerte. Warum hatte sie nichts gesagt? Warum hatte sie nur „Natürlich“ herausgebracht und war sitzen geblieben, während die Teamleiterin bereits durch die Tür in ihr Wochenende gegangen war?
Und jetzt saß Susanne hier und mit jedem Bissen schien der innere Raum in ihr immer größer zu werden. Ein Raum, in dem sich Gedanken und Zweifel ausbreiteten.
Vielleicht war es die Struktur? Vielleicht der Einstieg? Vielleicht war das ganze Konzept einfach nicht gut genug? Hatte sie etwas gesagt oder eingefügt, womit sich die Teamleiterin übergangen gefühlt hatte?
Mit jedem neuen Szenario schrumpfte etwas in Susanne zusammen. Denn mit jeder weiteren Möglichkeit, in der sie jemanden mit ihrer Leistung enttäuscht haben könnte, schien auch ihr eigener Wert kleiner zu werden.
Susanne mochte ihre Arbeit. Mehr noch: Sie wollte gut sein. Sie wollte irgendwann diejenige sein, die die Präsentationen nicht mehr vorbereitete, sondern leitete. Diejenige, auf deren Einschätzung andere warteten. Vielleicht traf sie der Satz der Teamleiterin deshalb so tief?
Ich fand Susannes E-Mail am Montagvormittag. Abgesendet hatte Susanne sie am Freitagabend um 22.49. Sie schrieb, sie habe das Gefühl, auf Kritik manchmal zu empfindlich zu reagieren. Sie wolle daran arbeiten und ob ich Zeit hätte. Der Ton war sachlich, fast förmlich. Als käme die Nachricht von jemandem, der ein administratives Problem zu klären hat. Nur die Uhrzeit stimmte nicht dazu.
Gut genug war nie gut genug
Als Susanne einige Tage später zu mir kam, wirkte sie ruhig. Wie jemand, der sich Mühe gibt, vernünftig zu bleiben. Sie setzte sich, faltet die Hände im Schoß und begann zu erklären. Klar und ohne Umwege.
Sie habe eine Tendenz, sagte sie, auf Rückmeldungen zu empfindlich zu reagieren, auch auf indirekte. Auch auf solche, die vielleicht gar keine seien. Sie wisse, dass das nicht produktiv sei und sie könne es sich nicht leisten.
Sie beschrieb das Wochenende. Wie sie die Präsentation noch einmal geöffnet hatte, Folie für Folie. Wie sie nach Fehlern gesucht hatte, von denen sie nicht einmal wusste, ob es sie gab. Sie sagt das alles sehr sachlich, als hätte sie einen Befund mitgebracht, den es jetzt gemeinsam zu lösen gilt.
Ich hörte zu und sagte: “Sie haben also das ganze Wochenende versucht herauszufinden, ob die Präsentation gut genug war. Aber könnte es sein, dass sie eigentlich versucht haben herauszufinden, ob sie gut genug sind?”
Susanne schwieg einen Moment. Dann sagte sie leise: „Vielleicht.”
Das war keine Antwort, eher als wäre ihr gerade etwas eingefallen, das sie noch nicht ganz greifen konnte. Ich fragte: „Wie war das früher, das Gefühl, bewertet zu werden?”
Susanne erzählte, dass sie in einer gutbürgerlichen Familie aufgewachsen war. Gymnasium, die meisten Jahre Klassenbeste.
Sie erzählt das ohne Stolz. Eher wie Tatsachen, die man wissen müsse, um sie zu verstehen. „Haben Sie gern gelernt?“, frage ich. „Nein“, sagt sie. „Aber ich war gut darin.“
„Haben Sie allein gelernt?“ Eine kleine Pause. „Meistens schon. Aber die Kontrolle hatten meine Eltern.“ antwortete Susanne „Warum?“, fragte ich und Susanne sah mich an. „Ich weiß es nicht“, sagte sie schließlich. „Das war einfach so.“
Das war einfach so. Vermutlich hatte es einen Grund, aber wir würden ihn nicht verstehen können, ohne die Geschichte ihrer Eltern zu kennen. Doch das war gerade weder möglich noch notwendig. Wichtig war etwas anderes.
In Susannes Familie wurden Dinge bewertet. Schulpräsentationen. Aufsätze. Und auch die Aufführungen bei Sommerfesten. Und fast immer gab es noch etwas, das besser hätte sein können und langsam entstand in Susanne eine Gleichung, die niemand je ausgesprochen hatte: Etwas gutzumachen bedeutete nicht, dass es gut war.
Das Problem war, dass es in Susannes innerer Welt irgendwann keinen Punkt mehr gab, an dem etwas einfach gut sein durfte. Denn irgendwo schien immer noch eine bessere Version von ihr möglich zu sein.
Ich verstand jetzt, warum Susanne Freitags abends nicht aufgehört hatte mit ihrem endlosen inneren Nachbearbeiten. Bei Feedback war sie übermäßig wachsam. Nie kam wirklich etwas in ihr zum Abschluss. Sie musste, wie sie sagte, alles ständig kontrollieren.
Ihr Selbstwert war zu einem gigantischen Optimierungsprojekt geworden. Und in diesem Mechanismus gibt es kein Ende. Kein „gut genug“. Kein „das reicht jetzt“.
Keinen Moment, in dem man sich innerlich wirklich zurücklehnen kann, denn irgendwo scheint immer noch eine bessere Version möglich zu sein.
Selbstvertrauen auf Bewährung
Und genau das begann Susanne inzwischen auch beruflich zum Problem zu werden. Es fiel ihr schwer, Arbeiten zu priorisieren. Denn alles fühlte sich wichtig an. Alles potenziell gefährlich und gleichzeitig spürte sie, dass genau dieser Mechanismus sie davon abhielt, die Rolle einzunehmen, die sie eigentlich wollte. Eine Rolle mit mehr Führung, mehr Entscheidungsbefugnis und Verantwortung.
Denn Führung bedeutet irgendwann, nicht mehr alles kontrollieren zu können, sondern Entscheidungen zu treffen, obwohl etwas unvollständig bleibt. Ihre bisherige Strategie machte sie erfolgreich, aber genau dieselbe Strategie verhindert nun den nächsten Schritt. Erst liefern, dann darf man vielleicht kurz das Gefühl haben, in Ordnung zu sein. Doch genau darin lag die Falle. Denn dieses Gefühl hielt ja nie lange. Es brauchte nur die nächste Präsentation. Das nächste Feedback. Den nächsten kleinen Satz. Und alles begann wieder von vorn. Das war kein fehlendes Selbstvertrauen. Es war Selbstvertrauen auf Bewährung.
Deshalb konnte Susanne nicht einfach „lockerer werden“. Denn ihr inneres System war nicht darauf ausgelegt, irgendwann zu sagen: Das reicht jetzt. Gut genug. Wir gehen weiter.
Und vielleicht war genau das der eigentliche Rollenwechsel, vor dem Susanne stand, eine innere Instanz zu entwickeln, die irgendwann entscheidet, wann etwas fertig ist, wann etwas gut ist, ohne dafür erst die vollständige Zustimmung der Außenwelt zu brauchen.
Susanne schwieg einen Moment. Dann sagte sie leise: „Es ist nicht nur die Angst, etwas nicht gut genug gemacht zu haben.“
Eine kurze Pause. „Sondern schuld zu sein, wenn dadurch etwas falsch läuft.“ Da war sie plötzlich. Die eigentliche Last.
Das Trophäenkind
Ich fragte Susanne, wie das zu Hause gewesen war. Mit Noten. Mit Fehlern. Sie dachte kurz nach. „Geschimpft hat niemand. Das nicht.” Eine Pause. „Aber wenn etwas nicht gut lief, eine schlechte Arbeit, eine schwierige Prüfung, dann wurde es sehr groß. Sehr ernst. Man hat sich Sorgen gemacht. Viel geredet. Es hat den Raum eingenommen.” „Und die Stimmung?”, fragte ich. „Die auch.”, antwortete Susanne.
Das war der Mechanismus. Keine Strafe, aber das Verschwinden von Leichtigkeit. Ein Fehler brachte keine Konsequenz, er brachte Schwere. Nachdenklichkeit. Eine Art Spannung, die sich über alles legte und erst dann wieder wich, wenn das Problem gelöst war. Und zugleich lag dann bereits die Erwartung der nächsten Spannung in der Luft.
Ein Kind, das das oft genug erlebt, lernt nicht: Ich werde bestraft, wenn ich scheitere. Es lernt etwas subtileres: Wenn ich scheitere, verliert der Raum seine Sorglosigkeit. Und das ist eine Verantwortung, die kein Kind tragen sollte. Aber viele tragen sie, ohne dass je jemand sie darum gebeten hätte.
Das hatte Susanne ihr Leben lang versucht zu verhindern. Das hatte sie das ganze Wochenende über versucht. Herauszufinden, was vielleicht falsch war, um Verantwortung zu übernehmen. Aus Angst, dass durch sie Spannung entstanden war. Enttäuschung. Probleme und Fehler.
Ich fragte Susanne: “Was füllte denn das Leben ihrer Eltern aus?” Sie antworte: “Meine Eltern hatten nicht wirklich ein eigenes Leben mit eigenen Hobbys”. Dann sah sie kurz zur Seite. „Sie hatten mich.“
Der Satz war schlicht, aber plötzlich wurde etwas sichtbar. Vielleicht hatten ihre Eltern nie bewusst Druck machen wollen. Vielleicht waren sie einfach stolz gewesen. Interessiert. Investiert. Aber Susanne hatte früh gespürt, dass ihre Leistung Wirkung hatte.
In der Arbeit mit dem Archetypenkompass® gibt es dafür einen Begriff: das Trophäenkind. Ein Kind, das zum Träger von etwas wird, das die Eltern selbst nicht hatten: Bedeutung, Stolz, ein Leben, das sich anfühlt wie eines.
Und mit dieser Rolle kommt ein Auftrag. Unausgesprochen. Ohne Unterschrift. Aber übernommen. Das nennen wir im Archetypenkompass® die Delegierte.
Susanne hatte nicht gelernt, gut zu sein. Sie war beauftragt worden, es zu sein. Für zwei Menschen, die ohne diesen Auftrag nicht wirklich wussten, womit sie den Raum füllen sollten. Und vielleicht hatten ihre Eltern das nie so gesehen. Aber Susanne hatte früh gespürt, dass ihre Leistung Wirkung hatte. Dass etwas im Raum anders wurde, wenn sie etwas gut machte. Mehr Aufmerksamkeit. Mehr Nähe. Mehr Ruhe vielleicht. Mehr Stolz. Eine bessere Stimmung.
Es ging irgendwann gar nicht mehr nur darum, etwas gut zu können. Es ging darum, was ihre Leistung emotional auslöste. Und wenn ein Kind spürt, dass seine Leistung Einfluss auf die Stimmung hat, entsteht Verantwortung dafür, wie es den anderen geht. Und genau deshalb fühlte sich Kritik für Susanne später nie harmlos an. Denn irgendwo darunter lag immer auch die Angst: Etwas falsch gemacht zu haben, das Folgen für andere haben könnte.
Nicht alles liegt in meiner Verantwortung
Die Teamleiterin hatte an einem Freitag kurz innegehalten. Das war wahrscheinlich alles.
Aber in Susanne hatte sich etwas aktiviert, das viel älter war als dieser Freitag. Älter als diese Firma. Älter als jede Präsentation. Ein System, das einmal dazu gedient hatte, etwas sehr Wichtiges zusammenzuhalten.
Vielleicht war genau das der Grund, warum ein Teil von Susanne noch immer wie festgenagelt auf diesem Bürostuhl saß. So wie früher am Schreibtisch in ihrem Kinderzimmer. Lauschend auf Stimmungen und auf kleinste Veränderungen. Auf dieses kaum wahrnehmbare Gefühl, dass etwas kippen könnte.
Und das war genau das der Teil in ihr, der bis heute nicht verstanden hatte, dass diese Zeit längst vorbei war.
Solange ein Mensch innerlich noch damit beschäftigt ist, ständig wahrzunehmen, was andere fühlen, denken oder vielleicht meinen könnten, wird es schwer, selbst zur Instanz zu werden, die irgendwann sagt: Das reicht. Das ist gut und wir gehen weiter. Nicht alles liegt in meiner Verantwortung.
Als Susanne ging, sagte sie: “Ich habe nächste Woche wieder eine Präsentation.” Und dann blieb im Türrahmen stehen, still. Für ein paar Sekunden zu lang. Und ich spürte, wie das Kind in mir sich in ihrem Kind wiederfand. Wie etwas in mir ihr sagen wollte: „Das wird schon. Sie haben das doch gut gemacht. Machen Sie sich nicht so viele Gedanken.“ Ich kannte diesen Impuls. Den Wunsch, die Spannung schnell wieder kleiner zu machen.
Aber ich wusste, dass genau das nichts verändern würde.
Susanne fehlte nicht Beruhigung. Ihr fehlte die Wahrnehmung, dass nicht alles, was sie tat, existenziell war. Dass Menschen irritiert sein dürfen, enttäuscht vielleicht ungeduldig, ohne, dass sie die Schuld bei sich suchte. Dass Stimmungen kippen dürfen, ohne dass sie sofort die Verantwortung dafür tragen musste.
Ich lächelte und sagte. „Eine Rose ist eine Rose ist eine Rose.“ Susanne sah mich irritiert an.
„Und eine Präsentation, ist eine Präsentation, ist eine Präsentation“, fügte ich hinzu.
Über die Autorin:
Anne Vonjahr ist Autorin und Gründerin des Archetypenkompass®. Seit über 16 Jahren arbeitet sie mit Frauen an den Rollen, die ihr Leben prägen, und an dem Punkt, an dem sie beginnen, diese zu verlassen. Heute bildet sie Beraterinnen aus, die mit der Archetypenkompass® Methode Menschen in Übergängen und Rollenwechseln begleiten.



